April 26, 2007...4:53

20 Quadratmeter Kasachstan

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Strenger Blick, scharfer Ton. „Only five minutes“, weist mich Asem an. Ich wiederhole auf Polnisch. „Tylko pięć minut. Rozumiem!“ Dann lachen alle, und ich gehe mich umziehen. Das heutige Abendprogramm klingt viel versprechend erst eine kasachische Party inklusive kasachischer Kost und anschließend wartet eine türkische Party auf unseren Besuch. Zwei Stationen mit der Straßenbahn entdecke ich dann eine ganz neue Welt. Sozialistische Neubaublöcke komplett in studentischer Hand. Studentenausweis, Pass oder Führerschein behält der Potiernik, der Pförtner. Man sollte einen Fotoband über diese komischen Kauze auflegen. In den Gesichtern mit den struppigen Bärten und den klobigen Brillen gebe es viel zu entdecken. Ein wenig erinnern diese Türsteher an eine andere Zeit. Sozialistische Vollbeschäftigung eben. In Deutschland wären die Stellen längst wegrationalisiert worden. Man hätte eine Telefonanlage mit Türöffner installiert, modern und zweckmäßig. Polen steht das noch bevor. „Spätestens wenn der Euro kommt, werden all diese kleinen Stellen wegrationalisiert werden“, mutmaßt mein Freund Nils. Wer weiß. Vielleicht werden aber in Deutschland bald Langzeitarbeitslose auf 1-Euro-Job-Basis in Problemsiedlungen nach dem Rechten, bzw. den Rechten sehen. Wer weiß.

Ein Aufzug führt uns in eines der oberen Stockwerke. Auf dem Gang bereitet man sich schon einmal auf das Ausgehen vor. Laute Musik, erste Parfümwolken und die obligatorischen Raucherbeine auf dem Linoleumfussboden, die es zu übersteigen gilt. Schließlich erreichen wir Kasachstan, wie der Aufkleber an der Tür verrät. „Dieses Zimmer ist für mich Kasachstan“, erklärt Asem denn auch auf Polnisch. Ein Dutzend ihrer Freunde haben sich in den 20 Quadratmetern eingefunden um gemeinsam das neue Jahr zu feiern. Einen ganzen Monat zelebrieren die Kasachen diesen Jahreswechsel. Heute sei der letzte Tag, wird mir später erklärt. Anlässlich der Feier werden ein typisch zentralasiatisches Reisgericht mit Hühnerfleisch sowie Tee mit Milch serviert. „Bardzo smaczny“, bedanke ich mich und komme als einziger der Aufforderung nach mich wirklich zu bedienen. Ania, Asems polnische Mitbewohnerin, kostet nur zaghaft und hält sich dann an ihrer Tasse Tee fest.

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Wieder einmal fällt es mir schwer all die neuen Namen im Kopf zu behalten. Zu viele Gesichter, zu viele exotische Namen. Einzig diesen Einen behalte ich sofort. Aaliyah heißt die Dame, genau wie die verstorbene amerikanische Sängerin. Mit meinem Tischnachbarn versuche ich mich nun in Polnisch zu unterhalten. Er ist schon eine halbes Jahr hier und spricht die Sprache, so weit ich das einschätzen kann, beinahe fließend. Er habe Russisch in der Schule gehabt und so fiele ihm der Zugang sehr leicht erklärt er mir. Später auf Englisch kann auch ich mich besser mitteilen. Ich erfahre von den Unwegsamkeiten die mit einem kasachischen Pass verbunden sind. Mal eben Berlin oder Prag besuchen? Ausgeschlossen! Das Visum gilt für Polen, nicht für Europa. Wieder einmal wird mir bewusst wie unkompliziert wir Deutsche uns in Europa bewegen. Ein Pass, sechzehn Bundesländer, zwölf Länder. Ein guter Schnitt.

Überrascht hat mich dass die kasachische Sprache zu den türkischen Sprachfamilien zählt. So geht es nach dem Essen ganz unkompliziert mit der Straßenbahn zum nächsten Essen. Asems türkische Freunde laden jetzt ein. Tarek aus Istanbul verteilt so gleich Schüsseln mit Kartoffelstücken, Hähnchenfleisch und einer Überdosis Erbsen. Mit Probieren hatte das nur wenig zu tun, aber es ist wie zu erwarten sehr lecker und die Schüssel bald leer. Tarek selbst scheint sehr engagiert, die polnische Sprache zu lernen. An jedem Gegenstand seines Zimmers klebt ein Zettel mit einer polnischen Vokabel. Ergänzt wird alles durch eine große grammatikalische Tabelle, sowie alle erdenklichen Konjugationen.

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Der Höhepunkt des Abends aber sollte der angekündigte türkische Volkstanz werden. Nach vereinzelten Zierlichkeiten, und einem Vorgeschmack auf Youtube, wie professionelle Tänzer diesen Volkstanz aufführen, versucht sich Tarek darin. Eine große Show. Auch Ali-Han aus Ankara begeistert mit einem traditionellen türkischen Tanz, gefolgt von einem türkischen Mädchen und einer Bauchtanznummer. Der kleine Raum, mit der großartigen Aussicht über die Stadt kann uns kaum fassen. Darum geht es zum gemeinschaftlichen Tanz auf den Wohnheimflur. Hier beweise ich ein weiteres Mal, wie schwer es mir fällt, mich in ein tanzendes Kollektiv einzufügen. Immerhin wahre ich so das Bild des steifen Deutschen. Wobei ich mich schon während meiner Armeezeit mit dem Marschieren schwer getan habe. Bleibe wohl ein hoffnungsloser Fall.

Trotz der vielen kulturellen Unterschiede habe ich doch gemerkt dass die Welt immer stärker zusammen wächst. Alle trugen moderne Jeans, trendy ausgewaschen und kunstvoll verziert. Alle sprachen zumindest ein wenig Englisch und auch in Polen diente türkischen Jugendlichen Youtube als Partywerkzeug. Die Welt wird kleiner. Die Menschen, die hier zusammenfanden unterschied weniger eine nationale Mentalität, als ihr individueller Charakter. Borys und Tarek kamen beide aus der Türkei, doch während Tarek der strahlende Charmeur war, hielt sich Borys schüchtern zurück. Und während sich die kasachischen Mädchen eher sehr schüchtern versteckten, nahm Asem nicht nur an der Stirnseite des Tisches platz, sie riss auch das Gespräch immer wieder an sich. Sie ist ein Typ Frau, bei der selbst Dschingis Khan unter dem Pantoffel gestanden hätte. Ania, polnische Linguistikstudentin, erklärte mir dann dass dies Asems Strategie sei. „Du hast es mir versprochen“, blaffte sie Tarek an, erst ernst, dann lächelnd. Zuckerbrot und Peitsche. Immer mit Erfolg.

Im Abend selbst steckten noch so viele Details. Etwa eine Empfehlung unbedingt das Kiewer Nachleben zu erkunden, oder aber Informationen über die kasachische Kaviarmafia. Spannend. Gegen zwei Uhr treffen Asem, Ania und ich wieder in unserem Wohnheim ein. Unser Portiernik verweigert mir den Zutritt, ehe ich nicht in perfektem Polnisch meine Zimmernummer und meinen Namen aufgesagt habe. „He is just joking“, erklärte mir Asem nun wieder auf Englisch. Der Portier sei einer der Ersten gewesen, der ihr beim Lernen der Sprache geholfen habe. Überhaupt bedeutet Sprach hier alles. Denn wer kein Polnisch spricht, der sitzt auch auf diesen Feiern schnell ein wenig abseits. Ich werde morgen in die Stadt fahren. Zettel kaufen, statt Tapete. Ein słownik, ein Wörterbuch, habe ich schon.

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